Nur Verrückte!

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Die ganze Welt ist ein Irrenhaus. Wir sind von Verrückten umgeben.

Der Ausruf "Nur Verrückte!" entfährt mir recht häufig, potentiell mehrmals täglich (ich nehme es selbst kaum noch wahr, wenn ich die Wort ausspreche). Dabei verwende ich das Wort "verrückt" nicht mit einer medizinischen Bedeutung, sondern meine es vielmehr in einem praktischen Sinne - wenn jemand im Alltag etwas tut, was man als vernünftig denkender, normaler Mensch eigentlich nicht ernsthaft in Erwägung ziehen würde. Aber was ist dieser Tage schon normal?

Ob im Großen oder im Kleinen, tagtäglich hört oder erlebt man Dinge, bei denen man nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann. Ich habe mich gefragt, ob das schon immer so war, oder ob sich meine Wahrnehmung dahingehend geändert hat. Man könnte diplomatisch behaupten, dass die Wahrheit wie so oft irgendwo in der Mitte liegt. Tatsächlich glaube ich aber, dass Verrücktheit ein Zeichen unserer Zeit ist.

In unserer modernen Gesellschaft wird es den Menschen sehr leicht gemacht, verrückte Dinge zu tun. Ich glaube nicht, dass man ernsthaft leugnen kann, die Möglichkeiten dafür hätten insbesondere in den letzten Jahren stark zugenommen. Es mag zwar zusätzlich so sein, dass die Verrücktheiten, die wir begehen (oftmals mit "Dummheiten" gleichzusetzen), durch Medien und soziale Netzwerke besser wahrgenommen werden. Aber die Tendenz zur Verrücktheit an sich ist in meinen Augen klar angewachsen.

Vor einer Weile habe ich in einer Schlagzeile gelesen, dass eine Frau bei dem Versuch, ein Selfie zu machen, in einen Brunnen gefallen ist. Respekt, kann ich da nur sagen; das habe ich bisher nicht geschafft. Ursprünglich hatte ich mir überlegt, solches Material zu sammeln und irgendwann koordiniert darüber zu schreiben. Aber dann dachte ich mir: Wozu sammeln? Auf dieser Seite werde ich einfach hin und wieder etwas veröffentlichen.

Es sind nicht nur Privatpersonen, sondern auch Institutionen, auf die ich mich hier beziehe. Verrücktheit ist inzwischen kein zufälliges Phänomen in Gestalt von Einzelpersonen mehr, sondern ein fester, strukturierter und organisierter Bestandteil unseres Lebens. Sie leben mitten unter uns und gestalten unsere Gesellschaft aktiv mit; wir sind ihnen ausgeliefert, werden von ihnen regiert.

Nur Verrückte!

Nachtrag: In letzter Zeit habe ich meinen Sprachgebrauch in diesem Kontext etwas ausgeweitet. Inzwischen unterscheide ich zwischen "Verrückten" und "Bekloppten", in extremen Fällen auch noch unverblümt "Idioten". Die Verrücktheit, von der ich oben spreche, ist in ihrer Grundform nichts zwangsläufig Schädliches, sondern eher ein Zeichen von übertriebener Kreativität. Erst im Einzelfall bleibt festzustellen, ob sich daraus ein Problem ergibt.

Zur Veranschaulichung ein kleines Beispiel. Sagen wir, ein Mann fährt, nur mit einem bunten Schal bekleidet, in einem Cabrio durch die Stadt. Das ist sicher exzentrisch, ein Kuriosum; abgesehen von dem potentiellen Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses (noch vergleichsweise harmlos, siehe die folgenden beiden Abschnitte) würde ich aber nicht behaupten, dass durch sein Handeln die Gesellschaft wirklich einen schweren Schaden erleidet.

Nehmen wir nun an, dieser Mann fährt im Schritttempo durch eine belebte Straße, hält immer wieder an, blockiert Kreuzungen usw. In diesem Moment mutiert er für mich vom "Verrückten" zum "Bekloppten". Denn sein Wunsch nach allgemeiner Aufmerksamkeit hat negative Auswirkungen auf andere; selbst wenn man wohlwollend davon ausgehen kann, dass keine allzu große Unfallgefahr besteht (weil durch den zu erwartenden Menschenauflauf ohnehin jeder andere Fahrer bremsen wird), verursacht er dennoch vielen anderen Menschen unnötig Unannehmlichkeiten.

Stellen wir uns stattdessen vor, der gleiche Mann fährt mit hohem Tempo durch die Straßen, macht dabei Selfies und potentiell gleich noch ein paar weitere Dinge, die seiner Fahrtüchtigkeit nicht gerade förderlich sind - vielleicht in der Hoffnung, in dem sozialen Netzwerk seiner Wahl möglichst viele Likes zu ergattern. Sobald er dies in einer belebten Gegend tut, gefährdet er sich und seine Mitmenschen ernsthaft. In meiner subtilen sprachlichen Differenzierung ist er zum Idioten aufgestiegen.

Es gibt für mich keine scharfe Grenze zwischen den drei Optionen. Nur ist es so, dass ich den Ausruf "Nur Bekloppte" mittlerweile viel häufiger als "Nur Verrückte" verwende. Möglicherweise hat sich meine Wahrnehmung verändert; ich habe jedenfalls immer öfter den Eindruck, dass die angedeutete Kreativität nachlässt oder ganz verschwindet und dafür einer schlichten Stupidität Platz macht, für die der - ursprünglich noch halbwegs gutmütig gemeinte - Ausdruck "verrückt" nicht mehr angemessen ist.

Ein wesentliches Kriterium für mich ist hierbei die Frage, wie absehbar es ist (sofern man nur einmal kurz seinen gesunden Menschenverstand einschaltet), dass die fragliche Handlung bestenfalls sinnlos ist und schlimmstenfalls nachteilige Konsequenzen für den Rest der Welt hat. Und leider wird mir immer wieder klar, dass genau dies der Fall ist.