Sunday, January 11, 2026

Gedanken zum Jahreswechsel

Mit Verspätung reiche ich einen Artikel zum Jahreswechsel nach. Wie ihr gemerkt habt, schreibe ich in letzter Zeit wieder deutlich weniger. Das hat verschiedene Gründe, auf die ich nicht im Detail eingehen möchte. Nur so viel: Die Bekloppten gibt es immer noch - es ist nicht so, dass mir der Stoff ausgehen würde. Draußen in der Welt passiert genug, über das man berichten könnte.

Beginnen wir mal mit den Silvesterfeiern. Ehrlich gesagt habe ich nicht viel für sowas übrig, jedenfalls nicht wenn man die Veranstaltungen vermarktet wie Krebsheilung. In meiner Wahlheimat Hamburg wurde eine Show mit Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner veranstaltet, bei denen die Ankündigungen im Vorfeld so klangen, als ob es sich um ein Jahrhundertereignis handeln würde. Vermutlich hing das damit zusammen, dass es sich um die erste Veranstaltung ihrer Art (also ZDF-gehostet) handelte. Andererseits haben die Menschen in der Hansestadt auch in der Vergangenheit schon irgendwie gemerkt, wenn es einen neuen Kalender aufzuhängen galt, insofern war das Ausmaß der Vorfreude eher übertrieben.

In der Realität hat das Event dann auch nicht so viele Zuschauer wie erwartet angelockt. Ich habe darüber mit einer gewissen Schadenfreude gelesen. Denn nur weil man wie wild Schlagzeilen in den Himmel feuert, bedeutet das noch nicht, dass ein ehrliches Interesse daran besteht. Von den Gästen hat mir die Hälfte der Namen nix gesagt; die andere Hälfte hat ihre Erfolgszeiten schon vor langer Zeit hinter sich. Echte Stars wie Taylor Swift oder Ed Sheeran sind sich (zu Recht) für dergleichen zu schade; statt dessen wurden Leute wie Sarah Engels, Anna-Maria Zivkov und die Hälfte von Mr. President aufgeboten. Kurz gesagt, die ganze Sache wurde künstlich unheimlich aufgebläht, hatte aber nicht ansatzweise so viel zu bieten, wie es vorneweg verkauft worden war.

Dann wären da die Jahresrückblicke. Beim Lesen ist mir eine Sache aufgestoßen, die ich hier loswerden möchte. In vielen Medien und Plattformen werden Prominente gewürdigt, die in den letzten 12 Monaten das Zeitliche gesegnet haben. Angesichts meiner persönliche Interessen schaue ich dabei besonders nach Hollywood. Unter anderem haben wir 2025 Gene Hackman und Robert Redford verloren, also zwei über Jahrzehnte hinweg prägende Sterne am Filmhimmel, außerdem Diane Keaton, Val Kilmer und diverse weitere namhafte Größen. Es ist traurig, doch andererseits ist es nun mal ein Fakt, dass genau diese Schauspielergeneration allmählich ihr Ende erreicht hat.

Leider neigen die Medien hierzulande dazu, ihre Prioritäten sehr komisch zu setzen. Obskure Gestalten, die durch fragwürdige TV-Formate ein lediglich moderates Level an Bekanntheit erlangt haben, werden auf eine Stufe mit internationalen Celebrities gestellt. (In Wahrheit haben einige von ihnen nicht mal englischsprachige Wikipedia-Einträge.) In einem besonders denkwürdigen Fall wurde Nadja Abd el Farrag, kurz “Naddel”, in einem Atemzug mit Gene Hackman und Robert Redford genannt, als ob ihre und deren Berühmtheit auf höchster Stufe gleichzusetzen wären. Es ist eine Schande und gesamtheitlich bezeichnend für das Selbstverständnis der deutschen Medienlandschaft.

Und schließlich ein paar Worte zu den inhaltlichen Deutungen des Weltgeschehens. So ziemlich alle Nachrichtenseiten, die ich gesehen habe, stellen die Entwicklungen im Jahr 2025 positiv und die Prognosen für 2026 feierlich dar. Vermutlich tun sie das, weil es - anlassbezogen - von ihnen erwartet wird; ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Dinge tatsächlich so optimistisch betrachten. Am Ende ist das auch wieder nur ein Beispiel für die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, mit der sich unsere Gesellschaft arrangiert hat. Dinge werden schöngeredet, während es in Wirklichkeit in so vielen Lebensbereichen bergab geht.

Hier mein eigener kurzer Jahresrückblick (und zwar in Stichworten, ein bisschen im Stil des von mir sehr geschätzten politischen Kabarattisten Urban Priol):

  • Neuwahlen in Deutschland. AfD unaufhaltsam auf dem Weg nach oben, Parteien der Mitte in kontinuierlichem Abwärtstrend. SPD mit dem schlechtesten Wahlergebnis seit über 100 Jahren, BSW wird bald umbenannt, FDP stellt sich als komplett verzichtbar heraus, Erkenntnis in den eigenen Reihen aber noch nicht angekommen. CDU/CSU klammern sich heimlich an der AfD fest, um nicht ebenfalls abzusacken, streiten es jedoch ab. Steinmeier gibt es noch, keiner weiß warum.
  • Nach der Wahl: GroKo in der Dauerkrise. Gescheiterte Verfassungsrichterwahl trotz Mehrheit. Niemand kann sagen, ob die AfD offiziell verfassungsfeindlich ist. Renten- und Sozialreformen nötig, Umweltschutz geht nicht voran, Verkehrswesen gesamtheitlich marode, Gesundheitssystem vor dem Kollaps. Bürokratie wird nicht abgebaut, Mieten werden nur sporadisch gedeckelt. Wohnraum knapp, Fachkräfte knapp, eigentlich alles knapp. Die Regierung eiert herum (Stichwort “Stadtbilddebatte”), aber nix passiert.
  • Sport: Deutschland gut in Handball und Basketball, in anderen Sportarten eher nur “dabei”, bei der Fußball-WM-Quali überraschenderweise nicht ausgeschieden. Missbrauchsvorwürfe im Turner-Bund, Anzug-Eklat im Skispringen, Wintersport ingesamt unter Druck, Doping überall. Fußball-Funktionäre weiterhin korrupt, FIFA hat sich mit Friedenspreis-Vergabe an Trump lächerlich gemacht, Infantino wird seinem Namen gerecht. Boris Becker wieder Vater geworden, Vorwürfe häuslicher Gewalt gegen Zverev, Boateng bereits in Vergessenheit.
  • International: USA sind Papst, wen wunderts. Krieg in Ukraine geht weiter. Dazu Krieg in Gaza, humanitäre Katastrophe, ebenso im Jemen, Sudan, Myanmar, sowie in diversen weiteren Ländern. Soll uns aber nicht kümmern; Flüchtlinge nicht mehr willkommen, “Wir schaffen das” ist vergessen, ehemalige afghanische Unterstützer sollen draußen bleiben. USA spielt Weltpolizei, will Panama haben, will Grönland haben, will alles haben. Europa schaut nur zu, versinkt international in der Bedeutungslosigkeit.
  • Trump wettert gegen Harvard, gegen Notenbank, gegen “woke” Medien, eigentlich gegen so ziemlich jeden. USA treten aus zahlreichen internationalen Abkommen aus, Zölle führen zu Handelskrieg, China hält dagegen. Börsen flattern, aber Rheinmetall steht gut da, das ist doch das Wichtigste. Rechtsstaatlichkeit in den USA am Wanken, Justiz nicht mehr unabhängig. Einwanderer werden abgeschoben, Familien werden zerrissen, Klima auf den Straßen ICE-kalt. “Big Beautiful Bill” wird zum Desaster für manche Bevölkerungsgruppen, aber Ballsaal soll kommen.

Wie man sieht, schreibt Donald Trump unverändert die meisten Schlagzeilen. (Das geht auch 2026 so weiter: “Wenn ihr einen Friedensnobelpreis übrig habt - ich würde ihn nehmen.”) Dahinter kommen regelmäßig diverse andere amerikanische Amtsträger, z.B. seine Pressesprecherin oder sein Außenminister. Heute früh habe ich gelesen, dass Robert Kennedy Jr. - der aktuelle US-amerikanische Gesundheitsminister und ein überzeugter Windschattenfahrer von Trump - mit verdrehten Fakten die deutsche Regierung angreift. Ich würde ihm ja “Lies ein Buch” raten, doch dann ist mir eingefallen, dass es gar kein Indiz dafür gibt, dass der Mann überhaupt lesen kann. Bildung ist keine erforderliche Qualifikation, um in Trumps Kabinett aufgenommen zu werden, im Gegenteil.

In gewisser Weise hat 2026 begonnen, wie 2025 geendet hat, nämlich mit der Unfähigkeit der Politik in unserem Land und dem Wahnsinn auf der anderen Seite des Ozeans. Trotzdem fühlt es sich irgendwie anders an. Bis Jahresende hatte ich den Eindruck, das alles wäre nur eine vorübergehende Tendenz, etwas das man - spätestens nach Trumps Ableben - rückgängig machen könnte. Doch jetzt, seit ein paar Tagen, ist es endgültig zur Normalität geworden. Da ist diese Wahrnehmung, dass die Dinge sich unumkehrbar geändert haben. Die Diskussion um Grönland (naja, eigentlich ist es weder aus dänischer noch aus amerikanischer Sicht heraus eine Diskussion) verstärkt das Gefühl um ein Vielfaches. Wir leben nicht mehr in einer Zeit der Freiheit und der Vernunft, sondern wir nähern uns - erneut - einer geschichtlichen Phase an, in der das Recht das Stärkeren die einzig relevante Größe ist.

Das bedeutendste Ereignis (wenngleich nicht im guten Sinne), was wir kürzlich miterleben durften, ist die Verschleppung von Nicolás Maduro durch amerikanische Spezialeinheiten. Bitte versteht mich nicht falsch, ich werde Maduro keine Träne nachweinen. Allerdings haben die USA damit einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. Wer weiß, ob er nicht als nächstes in Kolumbien, Kuba oder dem Iran einmarschiert? Und wer hindert eigentlich Putin daran, seine Truppen ins Baltikum zu schicken, weil die dortigen Regierungen Russland nicht wohlgesonnen sind? Warum sollte China sich nicht - mit scheinheiligen Vorwänden wie nationaler Sicherheit - demnächst Taiwan einverleiben?

Mit seinem Angriff auf Venezuela hat Donald Trump diesen Nationen effektiv einen Freifahrtschein ausgestellt. Er hat eine neue Weltordnung eingeläutet, in der internationales Recht kaum noch Bedeutung hat und die Diktatoren (zu denen ich Donald Trump der Einfachheit halber hinzuzählen möchte) sich einfach nehmen, was sie möchten. Vielleicht werden die Geschichtsbücher irgendwann schreiben, dass 2026 das Jahr war, in dem alles begonnen hat. Mit diesen pessimistischen Gedanken möchte ich meinen Jahresrückblick schließen: Wir feiern aus Tradition, nicht weil es einen Grund gibt, mit Begeisterung nach vorn zu blicken.